Verursacht durch mein Heimweh-Tief hatte ich mir also eine Lösung gesucht, die Hope Factory, um einen noch tieferen Einblick in das wahre Südafrika zu bekommen und um meinen Erfahrungs-Horizont noch ein bisschen stärker zu erweitern. Ein absoluter Volltreffer, wie ich schon nach meinem ersten Tag dort feststellen konnte. Aber alles von Anfang an…
Aufgabe, Ziel und Mission der Hope Factory
Die Hope Factory ist eine Non-Profit-Organisation, die das Ziel hat, benachteiligten und mittellosen Menschen eine Ausbildung zu geben, damit sie die Möglichkeit haben, eigene kleine Unternehmen zu gründen und sich dadurch selbst aus dem Kreislauf der Arbeitslosigkeit und der Armut herauszuhelfen. Dafür unterrichtet die Hope Factory jährlich 100 ambitionierte Menschen darin Designs zu machen, Schnitte zu erstellen und nähen zu lernen. Außerdem gibt es Trainingseinheiten in denen Lifeskills, wie der Umgang mit HIV/Aids, Selbstorganisation und Zeitmanagement gelehrt werden. Eine Mentorin betreut jeden Schüler einzeln und persönlich von der Bewerbung, über den Start des Kurses, während des Kurses und vor allem auch nach Abschluss des Kurses. Es werden Hilfestellungen zur Unternehmensgründung gegeben, Fragen beantwortet und Probleme und Zweifel während der ersten Schritte der Selbstständigkeit gemeinsam überwunden.
Die Hope Factory startete vor 8 Jahren als ein kleines Garagen-Unternehmen und hat seit dem 700 Menschen eine Zukunft ermöglicht. 78% der Absolventen sind nach dem Kurs fähig, sich selbst und ihre Familien allein zu ernähren. Das ist ein großartiges Zeugnis und ein Beweis für die Funktionstüchtigkeit des gesamten Konzepts.
Neben der Schulungseinheit betreibt die Hope Factory noch eine kleine Produktionsstätte als zweites Standbein in der vor allem Papierprodukte und Perlenbesätze für Besteck, Schlüsselanhänger, Kerzen…. hergestellt werden.

The Hope Factory Port Elizabeth
So kam Lotte zur Hope Factory
Bei einem Ausflug nach Port Elizabeth fuhr Dominique mit mir zur Hope Factory, um zu sehen, ob es sich dabei nur um eine kleine Briefkasten-Firma handelt, oder ob das doch groß genug ist, um dort öfter mal hinzufahren. Ein Glück, die Hope Factory in Port Elizabeth stellte sich als der Hauptstandort für die Produktion und die Schulung heraus. Wir fuhren zu der Adresse in der Dunkelheit, während die Straßen leer und schlecht beleuchtet waren. Als ich das Haus sah war ich hellauf begeistert und zu 100% sicher, dass ich dort einige Zeit verbringen möchte.
Wenige Tage später, an einem Freitag, fuhr Dominique wieder mit mir zur Hope Factory um diesmal auch hinein zu gehen und mit den Managern zu sprechen. Bei Licht sah die Gegend jedoch ganz anders aus! Die Straßen und Häuser sind alle etwas runter gekommen, staubig, schmutzig und überall nur schwarze Menschen. Eine richtige Downtown Area! Als wir die Straße Richtung Hope Factory entlang fuhren überkamen mich schreckliche Zweifel! Die ganze Gegend wirkte auf mich einfach nur angsteinflößend und unsicher. Ich wäre am liebsten sofort wieder umgedreht und hatte ständig die Fragen im Kopf „willst du das wirklich? Schaffst du das?“ Dieser Kultur-Clash war einfach zu viel für mich! An diesem Tag bin ich nicht in die Hope Factory hinein gegangen, ich habe mich nicht getraut…
Ich hatte nun das ganze Wochenende Zeit um mir zu überlegen, wie es weitergeht und um mich mit den Fragen auseinanderzusetzen, ob ich das schaffe und ob ich das wirklich will. Ich bin hierher gekommen, um einen tiefen Einblick in das Leben Südafrikas zu bekommen, ab vom Tourismus und den reichen Gegenden. Niemand hat gesagt, dass es einfach wird oder das ich nur schöne Dinge zu sehen bekomme. Ganz im Gegenteil ist das Ziel meiner Reise die unschöne Realität zu sehen. Die andere Seite, das andere Gesicht, die Mehrheit des Landes! Das zu erleben, was Touristen vorenthalten bleibt. Ich habe also das gesamte Wochenende meinen Mut zusammen gekratzt, meinen Egoismus beiseite geschoben und mich auf das große Überziel konzentriert.
Montag, zweiter Versuch. Nun war ich ja schon ein bisschen gewappnet, was mich zumindest von Außen erwarten wird. Ich war total nervös, wie immer, wenn ich Menschen treffe, die mich nicht kennen und bei denen ich nicht einschätzen kann, wie sie auf mein Anliegen reagieren. Ich ging hinein und fragte nach einer Managerin. Die Leiterin war an diesem Tag nicht da, aber ich sprach mit der Managerin der Produktion. Ich glaube sie war etwas überfordert. Es kommt wohl nicht so oft vor, dass eine weiße Deutsche hereinschneit, fragt ob sie die Organisation kennenlernen darf, gerne auch mit ihrem Knowhow zur Verfügung steht und kein Geld dafür will.
Zwei Tage später erhielt ich dann eine Email von der Leiterin, die sich sehr freute und mich herzlich Willkommen hieß, die Hope Factory näher kennen zu lernen. Als wir uns trafen, war es „Liebe auf den ersten Blick“. Zufälligerweise kam sie ursprünglich aus der IT-Branche und hatte also in mir eine Gleichgesinnte gefunden. Vor allem freute sich die Leiterin, mit jemandem zusammen zu arbeiten, der eigenständig denken kann, Muster selbstständig versteht und nicht für jedes kleine Problem die Lösung bei jemand anderem sucht. Das klingt vielleicht ein wenig rassistisch, ist es aber in keinster Weise. Wenn man sich die Gesamtsituation des Bildungssystems betrachtet, kann man das leicht Schlussfolgern. Das Bildungssystem in Südafrika ist eine Katastrophe (erwähnte ich bereits). Die öffentlichen Schulen sind überfüllt, generell herrscht Lehrermangel, um zu unterrichten muss man deshalb kein Lehramt studiert haben und teilweise generell nicht studiert haben. Da so viele Schüler durch die Prüfungen fallen, werden einfach die Prüfungsanforderungen runtergeschraubt. Selbstständiges Arbeiten und erörtern von Themen, logisches und komplexes Denken, Übertragungsfähigkeit zwischen verschiedenen Bereichen, lernt man in Südafrika in den öffentlichen Schulen einfach nicht.
Aufnahmebedingungen in die Hope Factory
Die Aufnahmebedingungen für die Teilnahme an Trainingsklassen der Hope Factory sind sehr niedrig gesteckt. Im Prinzip kann jeder teilnehmen der mindestens Grd. 10 hat (ungefähr 10. Klasse, aber nicht mit dem deutschen Stand der 10. Klasse zu vergleichen!). Also einigermaßen lesen und schreiben kann, ein wenig Mathematik versteht (plus, minus, mal, geteilt) und einfachen Anweisungen folgen kann. Dafür gibt es einen sehr einfachen Test, in dem man einfache Formen ausschneiden muss, ein paar simple Rechenaufgaben lösen muss und einigen einfachen Anweisungen folgen muss, wie zum Beispiel ein Dreieck dem Wort „Dreieck“ zuzuordnen. Man kann sich kaum vorstellen, dass man durch diesen Test durchfallen kann, aber das passiert! Diese Tests könnten von deutschen Grundschulkindern mit links beantwortet werden. Die Bewerber in der Hope Factory sind im Alter zwischen 18 und 40 Jahren….
Nach dem Test gibt es noch ein persönliches Gespräch um die Ambition und den Willen der Teilnehmer zu prüfen. Durch all die Entwicklungsgelder und Hilfsorganisationen wurde den Menschen leider im Laufe der letzten Jahrzehnte beigebracht, dass man nicht unbedingt etwas tun muss, um etwas zu bekommen. Sehr oft denken die Menschen, dass sie einfach so einen Anspruch auf alles haben und möchten dafür nichts leisten. Um nachhaltig zu sein, muss man die Ambitionierten rausfiltern. Die Menschen, die ihr leben selbst in die Hand nehmen möchten, Chancen erkennen und nutzen möchten und dafür auch bereit sind, Opfer zu bringen.
Für den Kurs bei der Hope Factory bekommen die Teilnehmer kein Geld. Sie bekommen lediglich Geld für den Bus-Transfer von den Townships zur Hope Factory in Höhe von 75 Rand pro Woche (6,75 €). Das war bis letztes Jahr anders, da gab es noch einen zusätzlichen Tagessatz für jeden Teilnehmer. Da musste die Hope Factory aber leider feststellen, dass zu viele Teilnehmer nur wegen diesem geringen Tagessatz kommen und sich nach dem Kurs nicht selbstständig machen möchten, sondern sich gleich die nächste Organisation suchen, bei der es Geld gibt.
Für die Teilnehmer stellt der Kurs eine sehr harte Zeit dar. Der Unterricht findet Montag bis Freitag von 8:30 Uhr bis 16:00 Uhr für 3,5 Monate statt. Sie haben also nicht die Möglichkeit noch nebenbei zu arbeiten. Einige der Teilnehmerinnen sind alleinerziehende Mütter mit 2 Kindern zu Hause. Sie haben es besonders schwer. Die Meisten haben Schwierigkeiten, die 75 Rand pro Woche vorzustrecken, da das Geld immer erst freitags ausgezahlt wird und sie sich das Geld von anderen leihen müssen. Wenn man sich das mal zu gemühte führt: die Menschen haben Schwierigkeiten an 6,75 € zu kommen….
Ergebnis: Zuversicht, Hoffnung, Vertrauen, Begeisterung
Am Anfang des Kurses sind die Teilnehmer sehr verunsichert, ängstlich und ohne Selbstvertrauen. Mit jedem Teilnehmer wird einzeln ein Interview geführt, um festzustellen, wie es ihm die ersten Tage erging, was er für Wünsche und Ziele für den Kurs und danach hat, was er für Probleme hat und um generell ein persönlicheres Verhältnis aufzubauen. Diese Interviews werden von Vuyo, der Mentorin geführt und ich durfte bei all den Interviews dabei sein. Es war ein großartiges Erlebnis, die einzelnen Charaktere in diesen Menschen zu entdecken und vor allem die Hoffnung, die Ambition und den Unternehmergeist zu sehen! Das funkeln in den Augen von Menschen zu sehen, die nie eine Chance bekommen haben und die das erste Mal in ihrem Leben einen Hoffnungsschimmer am Horizont entdecken, lässt einfach sofort jeden Zweifel in mir sterben und ich fühle, dass es genau das ist, weswegen ich hier her gekommen bin! Das ist die größte und tollste Erfahrung, die ich mir für meinen SA Trip vorstellen kann!
- The Hope Factory Port Elizabeth
- Die Lehrerinnen und Vuyo
- Vuyo (Mentor) and me
- ….
- üben, üben, üben
- hier wird gelernt
- ein fleißiger Schüler
- Klassenfoto
- Vuvu – meine liebste Kursteilnehmerin (and me)
Ein paar Interview-Beispiele
Meine Lieblings-Teilnehmerin heißt Noluvuyo, kurz Vuvu. Sie ist so ambitioniert, fürsorglich, organisiert und hat den Plan! Wenn sie fertig ist mit dem Kurs möchte sie ein eigenes Unternehmen gründen, möchte Arbeitsplätze in ihrem Township schaffen und möchte der Community helfen gegen Probleme wie Aids zu kämpfen. Wenn das nicht große Pläne sind! Und ich trau ihr das zu… Sie wurde von ihrer Gruppe zur „Klassensprecherin“ gewählt und hat seit dem großartige Dinge eingeführt. Sie hat mitbekommen, dass einige Teilnehmer so wenig Geld zur Verfügung haben das es nicht einmal für etwas zu Essen mittags reicht. Deshalb sammelt sie nun von jedem Teilnehmer der Gruppe einmal in der Woche einen minimalen Beitrag ein und bäckt freitags für alle, so, dass freitags jeder etwas zu Mittag essen kann. Außerdem hat sie eine Art Geld-Club gegründet, der inzwischen auch von anderen Gruppen übernommen wurde. Das Ganze funktioniert so: im Schnitt benötigen die Teilnehmer von den 75 Rand pro Woche nur 60 Rand für das Busticket. Es bleiben also 15 Rand übrigen. Jeden Freitag gibt jeder Teilnehmer 10 Rand in einen Topf und einer der Teilnehmer bekommt alles. Jeder ist mal an der Reihe. Bei 14 Teilnehmern macht das 130 Rand, die jede Person abwechselnd mal für sich allein übers Wochenende ausgeben kann. Und das ist für Menschen in einem Township ein kleines Vermögen….

Vuvu - meine liebste Kursteilnehmerin (and me)
Da war ein junger Mann, ungefähr mitte zwanzig, sehr lebhaft und taff. Er saß in dem Interview und war so aufgeregt, dass die ganze Zeit seine Lippe und seine Backe gezittert haben. Aber er hat das einfach überspielt! Er hat den Unternehmergeist! Der Kurs befand sich gerade mal in den ersten 2 Wochen und er hat sich in der Hope Factory unter den Teilnehmern schon einen Business Partner gesucht. Sie wollen ein eigenes Label gründen namens „Underground“. Anfangen wollen sie, indem sie einfache T-Shirts mit dem Logo bedrucken. Dafür haben sie sich schon einen Drucker gesucht, den um die Hälfte im Preis für das Drucken runter gehandelt und die ersten zwei T-Shirts für sich selbst bedrucken lassen, als Marketing-Maßnahme. Danach wollen sie anfangen, die T-Shirts in der Hope Factory und in ihrer Community zu verkaufen, bis sie nähen und entwerfen gelernt haben und eine eigene Kollektion aufziehen können. Da zieh ich einfach den Hut….
Schon ists wieder vorbei…
Leider ist meine Zeit bei der Hope Factory inzwischen schon wieder vorbei. Ich hatte nicht wirklich eine Position dort, aber ich habe unglaublich viel gelernt und erfahren! Nach einem Monat habe ich ein super Verhältnis zu der Leiterin, den Lehrern und der Mentorin aufgebaut. Ich würde gern noch länger bleiben, die Teilnehmer noch weiter in ihrer Entwicklung begleiten. Aber es wartet schon der nächste Schritt meiner Reise auf mich. Am Abend vor dem letzten Tag in der Hope Factory war ich furchtbar traurig. Das war eine tolle Zeit….















